Tätigkeitsfelder

Frage:

Wie kommen lange, engagierte Lebenswege zustande?

Erste Antwort:

Es gibt weder Anlass noch Grund, beim Erreichen des gesetzlichen Rentenalters die Erwerbsarbeit an den Nagel zu hängen. Es steht zum Beispiel beim Abstieg vom Rösslein schon ein anderes bereit und lädt zum Umsatteln ein.

Rahmenbedingungen der beforschten Lebenswege:

  • Aufräumen weltweit nach 1945, wirtschaftliche Wachstumsperiode mit optimistischer Perspektive, Aufbau Internet, kalter Krieg Ost – West
  • Breit gestreute Wohlstandsgewinne, Bildungsexpansion, neue geografische Mobilität, Zuwanderung
  • Gesellschaftliche Liberalisierung im Aufbruch der 60iger Jahre, Veränderung von Geschlechterrollen und Familienbildern, Säkularisierung

Voraussetzungen fürs Weitermachen lassen sich auf drei Ebenen ordnen:

1. Institutioneller Rahmen

Es stehen Handlungsspielräume offen, es gibt zum Beispiel keinen aufs Alter 64/65 befristeten Arbeitsvertrag.

2. Persönlich

Die Tätigkeit bringt persönliche funktionale Kompetenz zum Glänzen, erwirkt Resonanz und macht Freude (evtl. Verdienst; Sinnzuschreibung)

Voraussetzungen auf persönlicher Ebene

  • Der Entscheid, über 64/65 hinaus eine Erwerbstätigkeit weiterzuführen oder in eine anspruchsvolle Freiwilligenarbeit zu wechseln, schält sich über Jahre heraus.
  • Es geht um ein Abwägen von Möglichkeiten und Beschäftigungsalternativen, um Kontrolle über das eigene Leben; Ansprüche des nahen sozialen Netzes spielen eine Rolle.

3. Soziale Einbettung

Die Tätigkeit ist in ein tragendes Beziehungsnetz mit Kolleg*innen oder Kund*innen eingebettet; das Engagement lässt Zugehörigkeit erfahren.

Kontexte:

Nun folgen ein paar persönliche Steckbriefe von Männern und Frauen, die sich in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern bewegen.

Politik

  • Sie startete in einer Damenschneiderei, war Familienfrau, wirkte im Katholischen Frauenbund (auch als Leiterin), wurde Parteimitglied, liess sich zuerst ins Gemeindeparlament, später in ein kommunales Exekutivamt wählen, spielte im Nationalrat und in der Parteileitung auf Bundesebene eine Rolle, wechselte in die Verbandspolitik, coacht Asylsuchende und gibt Kurse.

Kirche

  • Sie lebte einige Zeit im Kloster, wirkte in einem Kindergarten, in der Schule (Religionsunterricht), bewährte sich in der Seelsorge und später in der (konfessionellen) psychologischen Beratung. Allein und mit Partner trug und trägt sie Verantwortung in der Leitung katholischer Gemeinden.

Bildende Kunst

  • Baufirmen waren erste Arbeitsumgebungen für den Hochbauzeichner, er jobbte in Industriefirmen, wagte Kunstexperimente, eine Kunsthochschule engagierte ihn als Lehrer, immer mehr Raum nahm die eigene Kunst im Atelier oder im Freien ein, Lehraufträge sicherten die Existenz und mit Ruhm und Ehrungen kam die Konzentration ganz auf die Realisierung eigener Ideen und Kunstereignisse.

Wissenschaft

  • Mitarbeitend in internationalen Grossforschungsprojekten konnte sie sich entwickeln und profilieren, mit Familie und im Militär qualifizieren und an der Universität relativ spät einen Lehrstuhl besetzen. Weltraumexperimente brachte sie als Projektmanagerin zum Erfolg, in US-Forschungsgremien wirkt sie als Mitglied, die Universität schätzt sie als erfahrene akademische Lehrerin und Verfasserin von Forschungsberichten.

Kleinbühne und Internet

  • Sein erstes Tätigkeitfeld war ein Fotoatelier, eine Transportfirma beschäftigte ihn als Lastwagenfahrer, ein neues Fotoatelier gründete er selbst, in der Filmindustrie wirkte er als Produzent, eine Kleinbühne bespielt er als Kabarettist, ein Restaurant beschäftigt ihn als Kellner, im Internet trifft man ihn als Cartoonist und verschiedene Liegenschaften hat er als Architekt umgebaut.

Bisheriger Arbeitgeber

Frühere Arbeitgeber können auch viele Jahre nach der Pensionierungsklippe noch attraktive Bedingungen bieten. Auffällig ist, dass nicht Angestellte aktiv eine Laufbahnverlängerung beantragen. Vorgesetzte müssen ausdrücklich um die Weiterführung der Tätigkeit werben.

  • Medienunternehmen: Die Ökonomin wählte Zeitungsredaktionen als Wirkungsfeld für ihren Journalismus, später auch Buchverlage. In Zeitungen und beim Fernsehen wirkte sie als Recherchier-Spezialistin, übernahm Führungsaufgaben und leitete Projekte, wurde Ausbildnerin, schreibt weiter und wirkt als Mentorin für den Nachwuchs.
  • Krankenhäuser: In verschiedenen Spitälern wirkte der Arzt, auch im Forschungslabor, in der Rolle des Chefarztes und damit verbunden als Dozent in der Medizinausbildung. Nach dem Rücktritt aktivieren ihn mehrere Spitäler als Interims-Chefarzt, in Afrika wird er Coach für Kaderärzte, die Kirchgemeinde macht ihn zum Präsidenten und im selbst geschaffenen Behindertentreffpunkt ist er Schlüsselperson.

Eigenes Unternehmen

  • Sie arbeitete als Modistin im Atelier für Hutmachkunst, sammelte im Kibbuz Erfahrungen, schaltete eine Familienphase im In- und Ausland ein, gründet nach der Ehescheidung ein eigenes Atelier, bzw. ein Geschäft und kreiert Hüte für die gute Gesellschaft, wird Lehrmeisterin, und nimmt Einfluss im Berufsverband.
  • Die Landwirtschaft ist sein erstes Tätigkeitsfeld, im Militär packt ihn der motorisierte Verkehr, ein Carunternehmen beschäftigt ihn als Fahrer, später wird er selbst Carunternehmer und Reiseleiter, auch Kantonsrat, schliesslich organisiert er als Leiter und Unterhalter Spezialreisen für ältere Menschen.


    Selbständigkeit

    • Einen Lern- und Arbeitsplatz findet der Bergbub beim grossen Maschinenbauer in der Stadt; im Aussendienst bereist er die Welt, nebenbei wird er Bergführer, dann stellen ihn nacheinander zwei Bergbahnen als Chef an. Die Armee beschäftigt ihn im Festungskorps, nebenamtlich wirkt er in der Schulpflege, schliesslich kann er sich frei dem Bergführerberuf und in der Skischule dem Unterrichten widmen.

    Genossenschaften

    • Die Universität stellte den Volkswirtschafter als Assistenten im Bereich Wirtschaftsethik an, in Jugendorganisationen und -verbänden bestimmte er in Leitungsfunktionen die Politik mit. In einer Tageszeitung schrieb und redigierte er Texte, wechselte später – als Spitzenbeamter – in die Stadtverwaltung und eine bedeutende Wohnbaugenossenschaft wählte ihn zum Präsidenten und Erneuerer.

    Stiftungen, NGO, Sport

    • Wirkungsfelder findet die Juristin am Bezirks- und am Kantonsgericht und macht schliesslich den Sprung ans Bundesgericht. Als Vorstandsmitglied beeinflusst sie die Schweizerische Richtervereinigung; einer politischen Partei tritt sie als aktives Mitglied an der Basis bei, Stiftungen berufen sie in den Vorstand, Kollegen bitten um Beratung und Verlage oder Redaktionen laden sie zum Publizieren ein.

    Familienunternehmen

    • Gewerbebetrieb: In der Maschinenindustrie fand der Polymechaniker im In- und Ausland interessante Beschäftigung; nach dem Wechsel in die Kunststoffindustrie und 30 Jahren im selben Familienunternehmen (auch in leitender Position), steigt er in die Firma seiner Herkunftsfamilie als Sanierer und Liquidator ein. Und träumt von neuen Unternehmen im Familienverbund. Parallel zu allem schultert er Managementaufgaben im Sportverband. 
    • Industrie: In einer Baubehörde arbeitet er kaufmännisch, später überzeugt er in verschiedenen Maschinenbaufirmen als Vertriebsfachmann in drei europäischen Ländern. Das eigene Tech-Unternehmen gründet er in der Lebensmitte, als CEO und später Verwaltungsratspräsident fördert er dessen Entwicklung und Expansion. Die Gewinne ermöglichen ökologische Landwirtschafts- und Weinbauprojekte, aber auch soziale Einrichtungen, die er anstößt und betreut. Um schliesslich als Spezialist für Bauprojekte frühe Architektenträume zu realisieren.

    Anschlussfrage:

    Wie können oder sollen Politik, Gesellschaft und Bildungssystem solche Lebenswege unterstützen? 

    Dezember 2021/ ema 

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